Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



Veröffentlichungen
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003



http://myblog.de/felixw

Gratis bloggen bei
myblog.de





SF-Challenge, Station Uranus | „Der Tunnel“ von Bernhard Kellermann

Der Tunnel
(374 Seiten, ISBN-13: 978-3518389553)

Roman von Bernhard Kellermann
Erstveröffentlichung 1913

Der Ingenieur MacAllen, Erfinder eines ungewöhnlich harten Stahls, fährt 1913 mit seiner Frau nach New York. Maud ahnt den wahren Grund ihrer Reise nicht und genießt ungezwungen ein legendäres Konzert zur Eröffnung des Madison Square Gardens. Erst spät erfährt sie, dass MacAllen in die Stadt gekommen ist, um Geldgeber für ein gigantisches Projekt zu gewinnen. Innerhalb von 15 Jahren will er einen Eisenbahntunnel zwischen Amerika und Europa graben.

Kellermanns „Der Tunnel“ erschien 1913 als eine literarische Sensation. Der Roman gilt nicht nur als erfolgreichster deutschsprachiger ScienceFiction-Roman, sondern soll auch die deutsche Literatur für technologische Entwicklungen geöffnet haben. Heutzutage sind Autor und Buch weitestgehend unbekannt. Der zu übermächtige Jules Vernes dominiert die Wahrnehmung des Genres der Technik-Utopien.
Zu unrecht wohlgemerkt.

Denn „Der Tunnel“ war, ist und bleibt ein Ereignis.
Kellermann schreibt fundiert und spannend zugleich, er verwebt die Geschichte um ein waghalsiges Projekt gekonnt mit dem Schicksal daran beteiligter Menschen, dabei stehen technische Fragen ebenso wie die Figuren im Mittelpunkt. Die Schilderung des rasenden Aufstiegs MacAllens, die persönlichen Schicksalme und öffentlichen Rückschläge erlebt der Leser wirklich mit, fiebernd, ringend. Dabei sind die Figuren nicht nur Scherenschnitte, sondern tatsächlich mehrschichtig. Nicht selten nimmt sich Kellermann Zeit, die Romanhandlung für einen Moment ruhen zu lassen und die Biographie der Handlungsträger zu schildern, ohne jedoch dabei an Spannung und Atmosphäre einzubüßen.
Neben der eigentlichen Handlung fließen zahlreiche zeitgenössische Verweise in den Roman mit ein wie z.B. auf die Weltwirtschaftskrise und technischen Fortschritt. Natürlich sieht Kellermann den ersten Weltkrieg nicht voraus und so bleibt das Ende des Romans in einer positivieren Welt hängen, schließt aber auch in einer nicht ganz offensichtlichen Technikreflexion, die weit über den Anspruch eines Unterhaltungsromans hinausgeht.

Auffällig, fast ein wenig schrullig ist der Versuch Kellermanns durch englische Phrasen und Begriffe die Romanhandlung glaubwürdiger in den USA zu verorten. Autos sind bspw. immer Cars und die Dialoge voll von englischen Wörtern (zufällig herausgegriffen von Seite 90) : „Wenn those blasted fools mich nicht holen“, schrie er, „so werde ich mich selbst ausgraben!“
Das liest sich nett und sympathisch, fast humorvoll. Für einen heutigen Leser, der so sehr damit vertraut ist, dass Romane in Amerika spielen, braucht es jedoch keine derartigen Verrenkungen.

Kellermanns „Der Tunnel“ ist eine spannend, fesselnde Technik-Utopie, die das Schicksal der Figuren niemals aus den Augen verliert und aus heutiger Perspektive nichts an seiner Wirkung eingebüßt hat. Daran ändert auch nicht, dass der Roman fast 100 Jahre nach seinem bestehen, nicht mehr auf den ersten Blick als ScienceFiction erscheint und jede Technik darin überholt ist.
Ohne zu zögern: 10/10 Punkten
23.7.11 12:29
 
Letzte Einträge: Dies und das



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung