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SF-Challenge, Station Sonne | "Das kommende Geschlecht" von Edward Bulwer-Lytton


Das kommende Geschlecht
(255 Seiten, Übers. von Michael Walter; ISBN-13: 978-3423127202)

Vril oder Eine Menschheit der Zukunft
(143 Seiten; Übers. von Guenther Wachsmuth; ISBN-13: 978-3723500231)

Roman von Edward Bulwer-Lytton
Erstveröffentlichung 1871

Bei einer Bergwerksbesichtigung stürzt einer von zwei Freunden in den Tod. Der andere, der namenlose Ich-Erzähler des Romans, begegnet an der Unglücksstelle ein Reptil von ungeheurer Größe und flieht tiefer in das Höhlensystem hinein. So stolpert er in eine unterirdische Welt, in der sich abgeschieden von der sonnenbeschienenen Erdkruste seit Jahrtausenden ein Teil der Menschheit ausgebreitet hat.
Das unbekannte Volk trägt Flügel, hat Automaten als Diener und nutzt das Vril, eine ebenso zerstörerische wie wohlwollende Macht.
Erst skeptisch, dann führsorglich wird der Ich-Erzähler aufgenommen. Nach und nach lernt er die fremde Kultur und ihre technologische Überlegenheit kennen. Zunächst fühlt er sich wohl, doch der Weg zurück ist ihm versperrt.

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt, denn sie spielt ebenso wie die Figuren nur eine untergeordnete Rolle. Einen deutlich größeren Platz nimmt die Schilderung der Gesellschaft in all ihren vielfältigen Aspekten wie Schichtung, Herrschaft, Wissen, Geschlechtertrennung, Emotionalität, Zusammenleben, Fortschritt usw. ein. Diese faszinierende Gesellschaft wird in der ersten Hälfte vor allem durch ein Referat des Ich-Erzählers vorgestellt, in der zweiten mittels Dialogen. So kommt es vor allem im ersten Teil zu sichtlichen Längen und Durchhängern, die aber nicht über die zahlreichen ausgezeichneten Ideen und Anspielungen hinwegtäuschen.
Mit dem Wechsel des Erzählmodus wird auch ein Perspektivwechsel eingeleitet. Die zuvor ausgeprägt positive Darstellung kippt. Aus einer gesamtgesellschaftlichen Utopie werden tendenziell eine Dystopie und für den Ich-Erzähler ein Grauen.
„Das kommende Geschlecht“ ist aber mehr als ein utopisch-dystopischer Unterhaltungsroman. Es ist Spiegelbild seiner Zeit und birgt zahlreiche Anleihen an Diskurse der Entstehungszeit. Beispielsweise greift der Autor gezielt die Evolutionstheorie heraus und schildert die Abstammung des Menschen von Fröschen oder diskutiert ausführlich die Geschlechterrollen in der Höhlenwelt. Die Frauen sind den Männern nicht nur körperlich überlegen, sondern haben in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine hervorgehobene Stellung, so zum Beispiel im Rahmen der Partnerwahl.
Auffällig ist, dass die fortgeschrittene Technologie zwar allgegenwärtig scheint, aber keine zentrale Beachtung findet. Die einzige Ausnahme bildet das Vril, das nicht nur eine gewaltige Waffe darstellt, sondern auch der Ursprung jeder körperlichen und kulturellen Weiterentwicklung zu sein scheint. Was sich aus einer solchen literarischen Idee entwickeln kann, liest sich am einfachsten bei Wikipedia nach.

Laut dtv-Klappentext ist „Das kommende Geschlecht“ die Geburtsstunde der modernen ScienceFiction. Ob das zutrifft, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Zutreffend ist jedoch, dass „Das kommende Geschlecht“ oder auch „Vril oder Eine Menschheit der Zukunft“, wie es in älteren Übersetzungen betitelt ist, eine Zukunftsvision schildert, die allerdings nicht in der Zukunft spielt, sondern in einer unterirdischen Parallelwelt. Der Roman ist vor allem eine sehr differenzierte, facettenreiche und originelle Gesellschaftsutopie, deren Bewertung nicht eindeutig ist. Wer mit ScienceFiction Raumschiffe und Cyberspace verbindet, sollte deshalb nicht einfach nach dieser Lektüre greifen.
Wer aber bereit ist, auch zähere Passagen zu überstehen und das Fehlen eine Wendungsreiche Handlung oder auch nur jeglicher Spannung zu übersehen, der findet in „Das kommende Geschlecht“ ein ausgezeichnet geschriebenes Gesellschaftsportrait mit zahlreichen Anleihen an Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts und einer Prise Abenteuerroman.

In der leider vergriffenen dtv-Ausgabe unterstützt ein umfangreicher Anhang samt Stellenkommentar, Nachwort von Günter Jürgensmeier und Briefen des Autors den Leser darin, die zahlreichen versteckten Anspielungen des Romans nicht zu überlesen.

7/10 Punkte
5.6.11 12:27
 



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