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"Die geschwinde Reise" von E.C. Kindermann

Seit ein paar Tagen schlage ich mich dem Stoff einer Vorlesung der Politikwissenschaft herum, sortiere erfolgreich aus, was ich alles nicht lernen werde, pauke Definitionen und lerne Zusammenhänge. Langsam freue ich mich immer mehr darauf, dass ich die Klausur nächsten Dienstag endlich hinter mir habe. Um auch einmal den Kopf frei zu bekommen, habe ich mir gestern ein neues Buch genommen und es heute zu Ende gelesen: Die Geschwinde Reise auf dem Lufft-Schiff nach der obern Welt, welche jüngsthin fünff Personen angestellet um zu erfahren, ob es eine Wahrheit sey, dass der Planet Mars den 10. Jul. dieses Jahres das erste Mahl, so lange die Welt stehet, mit einem Trabanten oder Mond erschienen? Der untern Welt zu curieuser Gemüths-Ergötzung und Versicherung dieser Begebenheit mitgetheilet durch die allgemeine Fama.1744 , kurz: „Die geschwinde Reise“ von Eberhard Christian Kindermann.

Diese ca. 50 Seiten umfassende Erzählung aus dem Jahr 1744 gilt als erste ScienceFiction-Geschichte deutscher Sprache. Fünf Menschen reisen darin von der Erde zu einem der Marsmonde und wieder zurück, sie treffen auf verschiedene, menschgleiche Kreaturen, eine fremde Kultur und erfahren viel über die göttliche Schöpfung. Vor allem letzteres ist ein ungewöhnlicher Aspekt, denn die Marsianer glauben an denselben christlichen Gott wie die Menschen der Erde. Anders als die Menschen sind sie doch nicht bei Gott in Ungnade gefallen und erfuhren durch ihn von dem Leben auf der Erde, von der Bibel und Jesus. Dass die Menschen fähig sind von Planet zu Planet zu reisen, verstehen die Marsianer als Zeichen dafür, dass sie auf dem Weg zurück ins Licht sind.
Doch wie geht diese Reise von statten? Die Geschichte wurde fast 40 Jahre vor dem ersten erfolgreichen Ballonflug verfasst. Trotzdem lässt Kindermann das Schiff der Reisenden nach demselben Prinzip in die Höhe steigen. Zur Entstehungszeit war bekannt, dass Luft ein Gewicht hat und fehlende Luft keines. Würde man also aus einem Behältnis, hier große Kugeln aus Kupfer, die Luft entnehmen, wäre es leichter als Luft und würde oben steigen. Je nach Größe und Eigengewicht der Hülle, könnte es noch mehr Masse mit sich nehmen.
So tragen also Kupferkugeln, die ein Vakuum beinhalten, das Schiff in den Himmel. Gesteuert wird es mit Rudern und einem Segel. Näher sie sich dem Marsmond oder Erde sorgt die Schwerkraft dafür, dass sich der Schiffsrumpf in Richtung der Planetenoberfläche bewegt.

Ungewöhnlicher Weise ist die „Die geschwinde Reise“ gleich in dreifacher Ausführung in dem Buch vorhanden: die Originalversion, eine Neuversion in heutiger Rechtschreibung und eine Nacherzählung. Da sich der Text aber für das Alter erstaunlich gut und flüssig liest, bereitet es kaum Schwierigkeiten, sich mit Originaltext auseinanderzusetzen.
Die Handlung an sich ist banal und kann dem heutigen Anspruch an Spannung und Charakterentwicklung bei weitem nicht gerecht werden. Trotzdem ist sie erstaunlich gut gealtert, liest sich flott und interessant. Die Ideen sind zum Teil altbekannt, teilweise jedoch überraschend und wohltuend anders im Vergleich zu heutiger Literatur gleichen Themas.

Den drei Fassungen der Erzählung ist ein langes Vorwort vorangestellt, in dem zum einen eine Definition von ScienceFiction gewagt wird. Das Ergebnis ist erstaunlich einfach und pragmatisch, genügt aber wahrscheinlich nicht unbedingt wissenschaftlichen Ansprüchen. Meines Erachtens werde hier ein paar Bereiche der SF einfach ausgeklammert bzw. mehr zur SF gezählt als ich es würde. Vor allem der Aspekt des Phantastischen kommt mir zu kurz.
Zum anderen wird „Die geschwinde Reise“ aber auch näher kontextualisiert. Sehr interessant ist die Aufzählung der bereits zuvor erschienenen SF-Erzählungen und Romane, aber auch die Klärung des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes zur Zeit der Entstehung.

Alles in allem ist „Die geschwinde Reise“ ein sehr sorgfältig gestaltetes, gut aufgemachtes Buch, das ich gerne gelesen habe und sicherlich wieder lesen werde (, dass man aber nicht gelesen haben muss), über das ich noch nachzudenken haben werde und das einen guten Platz in meinem Regal bekommen wird.
Freuen werde ich mich auf weitere Publikationen des kleinen Verlages , aber auch über „Reise zum Mond und zur Sonne“ von Savinien Cyrano de Bergerac, eine weiteres Frühwerk der ScienceFiction von 1657, dass ich schon eine ganze Weile besitze, aber noch nicht gelesen habe. Jetzt wird es Zeit.
2.2.08 21:09
 
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