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SF-Challenge, Station Jupiter | „Black Prophecy: Gambit“ von Michael Marrak

Black Prophecy: Gambit
(315 Seiten, ISBN-13: 978-3833223556)

Roman von Michael Marrak
2011

2558. Die Menschheit lebt weit verbreitet im Weltall. Um in den widrigen Umwelten der Kolonieplaneten bestehen zu können, wurde tief in die DNA eingegriffen. Zwei neue Rassen entstanden darüber, die erst vom Sapien unterdrückt wurden, sich in einem Krieg befreiten und über ihn stellten. Seitdem sind Sie die Herren der Welt, in der es kein intelligentes Wesen außer dem Menschen zu geben scheint.
Jerome befindet sich auf einer achtjährigen Reise zu einer der neuen Kolonien. Kurz vor Ankunft wird sein Schiff von Unbekannten attackiert. Er umgeht jede Vorschrift und kann den Angriff zurückschlagen, aber verliert seine Fluglizenz. Seine Exfrau Abhanzia, die sich ebenfalls an Bord befindet, gibt sich zur selben Zeit ihrer Drogensucht hin und beginnt, fremde Gestalten zu sehen. Die Ärzte vermuten, dass eine psychische Erbkrankheit bei ausgebrochen ist. Jerome schenkt ihnen zunächst glauben, wären da jedoch nicht die Scanner der Überwachungskameras ...

Michael Marrak ist kein Unbekannter in der deutschen Phantastik-Szene. Obwohl er sich in den letzten Jahren etwas rar gemacht hat, stehen neben seinen zahlreichen Kurzgeschichten vor allem auch seine Roman „Lord Gamma“, „Morphogenesis“ und „Imagon“ für ein Leseerlebnis der besonderen Art. Marrak schreibt ebenso fundiert wie außergewöhnlich, ist in der ScienceFiction, im Horror und im Surrealismus zugleich zu Hause und mixt daraus wie kein anderer einen eigenwilligen, kruden Mix.
Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an seinen neuen Roman.

Mit „Gambit“ wagt er sich auf ein neues Terrain. Es ist sein erster Roman zu einem Computerspiel, nämlich zu „Black Prophecy“, an dessen Entwicklung er beteiligt ist.
Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass Marrak zweierlei versucht. Zum einen möchte er eine Geschichte erzählen, zum anderen versucht er den Leser in das „Black Prophecy“-Universum einzuführen. Deshalb ist auch nicht wunderlich, dass der Roman nicht mit einem furiosen Prolog, sondern mit einer Chronologie beginnt. Beginnend mit der Mondlandung 1969 stellt Marrak darin die Eckpfeiler des Weges der Menschheit in den Weltraum bis 2558 dar. Das liest sich gut und flüssig, hat aber mit der Romanhandlung selbst nur am Rande zu tun.
Leider trifft das auch auf viele weitere Passagen des Romans zu. Marrak hat eine phantastische Welt entworfen und will dem Leser zeigen, wie facettenreich und tiefgehend ausgearbeitet sie ist. Für den Computerspieler mögen das lohnenswerte Zusatzinformationen sein. Der reine Leser wird durch dieses Infodumping regelmäßig aus der Geschichte gerissen.
Das ist schade und hätte besser gelöst werden sollen, werden müssen, möglicherweise durch ein umfangreiches Glossar.
Die Handlung selbst bietet nämlich alles, was eine etwas abgedrehte Space Opera bieten muss. Sogar das Fehlen einer Heerschar von unterschiedlichsten Wesenheiten löst Marrak geschickt. Jerome, Abhanzia und die anderen Figuren sind maßgeschneidert, die Schauplätze sind ebenso fantastisch wie ungewöhnlich, die Dialoge gekonnt spritzig. Doch leider entwickelt „Gambit“ erst sehr spät einen Sog, zu spät.
Die letzten 50 Seiten lesen sich so, wie ich mir einen guten Roman vorstelle. Die Welt wird mitgeteilt, sondern erlebt. Die Handlung kommt in Gang, nimmt an Komplexität und Spannung zu. Alles endet da, womit es eigentlich beginnen sollte. Die Figuren sind in Stellung gebracht, große Fragen stehen im Raum und der Leser erwartet Teil 2, der hoffentlich deutlich stärker wird. Denn mehr als genug Potential sind Autor, Handlung und Welt ohne Frage vorhanden.

„Gambit“ ist die Vorbereitung für eine große, faszinierende Space Opera, liegt aber noch deutlich unter ihren Möglichkeiten.
5/10 Punkte
29.7.11 17:17


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SF-Challenge, Station Uranus | „Der Tunnel“ von Bernhard Kellermann

Der Tunnel
(374 Seiten, ISBN-13: 978-3518389553)

Roman von Bernhard Kellermann
Erstveröffentlichung 1913

Der Ingenieur MacAllen, Erfinder eines ungewöhnlich harten Stahls, fährt 1913 mit seiner Frau nach New York. Maud ahnt den wahren Grund ihrer Reise nicht und genießt ungezwungen ein legendäres Konzert zur Eröffnung des Madison Square Gardens. Erst spät erfährt sie, dass MacAllen in die Stadt gekommen ist, um Geldgeber für ein gigantisches Projekt zu gewinnen. Innerhalb von 15 Jahren will er einen Eisenbahntunnel zwischen Amerika und Europa graben.

Kellermanns „Der Tunnel“ erschien 1913 als eine literarische Sensation. Der Roman gilt nicht nur als erfolgreichster deutschsprachiger ScienceFiction-Roman, sondern soll auch die deutsche Literatur für technologische Entwicklungen geöffnet haben. Heutzutage sind Autor und Buch weitestgehend unbekannt. Der zu übermächtige Jules Vernes dominiert die Wahrnehmung des Genres der Technik-Utopien.
Zu unrecht wohlgemerkt.

Denn „Der Tunnel“ war, ist und bleibt ein Ereignis.
Kellermann schreibt fundiert und spannend zugleich, er verwebt die Geschichte um ein waghalsiges Projekt gekonnt mit dem Schicksal daran beteiligter Menschen, dabei stehen technische Fragen ebenso wie die Figuren im Mittelpunkt. Die Schilderung des rasenden Aufstiegs MacAllens, die persönlichen Schicksalme und öffentlichen Rückschläge erlebt der Leser wirklich mit, fiebernd, ringend. Dabei sind die Figuren nicht nur Scherenschnitte, sondern tatsächlich mehrschichtig. Nicht selten nimmt sich Kellermann Zeit, die Romanhandlung für einen Moment ruhen zu lassen und die Biographie der Handlungsträger zu schildern, ohne jedoch dabei an Spannung und Atmosphäre einzubüßen.
Neben der eigentlichen Handlung fließen zahlreiche zeitgenössische Verweise in den Roman mit ein wie z.B. auf die Weltwirtschaftskrise und technischen Fortschritt. Natürlich sieht Kellermann den ersten Weltkrieg nicht voraus und so bleibt das Ende des Romans in einer positivieren Welt hängen, schließt aber auch in einer nicht ganz offensichtlichen Technikreflexion, die weit über den Anspruch eines Unterhaltungsromans hinausgeht.

Auffällig, fast ein wenig schrullig ist der Versuch Kellermanns durch englische Phrasen und Begriffe die Romanhandlung glaubwürdiger in den USA zu verorten. Autos sind bspw. immer Cars und die Dialoge voll von englischen Wörtern (zufällig herausgegriffen von Seite 90) : „Wenn those blasted fools mich nicht holen“, schrie er, „so werde ich mich selbst ausgraben!“
Das liest sich nett und sympathisch, fast humorvoll. Für einen heutigen Leser, der so sehr damit vertraut ist, dass Romane in Amerika spielen, braucht es jedoch keine derartigen Verrenkungen.

Kellermanns „Der Tunnel“ ist eine spannend, fesselnde Technik-Utopie, die das Schicksal der Figuren niemals aus den Augen verliert und aus heutiger Perspektive nichts an seiner Wirkung eingebüßt hat. Daran ändert auch nicht, dass der Roman fast 100 Jahre nach seinem bestehen, nicht mehr auf den ersten Blick als ScienceFiction erscheint und jede Technik darin überholt ist.
Ohne zu zögern: 10/10 Punkten
23.7.11 12:29


Wunderwäldliches Interview

Heute Morgen klopft Franziska Röchter per Email bei mir an. Sie ist als Autorin offenbar überall und auf allen Bühnen zu Hause. Außerdem ist sie wie ich mit dem Wunderwaldverlag im Bunde. Franziska Röchter bat mich dieses Interview zu verlinken, dass tollen Einblick in den Wunderwaldverlag, die Verlagsarbeit und unsere Verlegerin Michaela Stadelmann gibt. Also: Lesen!

Und hier geht es zum Interview.
19.7.11 14:20


SF-Challenge, Station Mars | "Die bewohnte Insel" von Boris und Arkadi Strugatzki

Die bewohnte Insel
(ca. 400 Seiten, ISBN: 978-3453526303)

Roman von Boris und Arkadi Strugatzki
Erstveröffentlichung 1969

Maxim Kammerer ist Mitglied der Gruppe „Freie Suche“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, neue Planeten zu erforschen. Bei einem seiner Erkundungsflüge wird sein Raumschiff so schwer beschädigt, dass er notlanden muss. Kaum ist er ausgestiegen, explodiert es und keine andere Wahl, als auf dem nuklear versuchten Planeten zu bleiben. Schnell trifft auf Menschen, lernt ihre Sprache und gerät zwischen die Fronten eines Krieges, den die geheimen Machthaber gegen sogenannte Entartete führen.

Der Roman beginnt auf den ersten Seiten wie eine Robinsonade. Aus einer hochentwickelten Zivilisation stammend strandet die Hauptfigur in einer in seinen Augen minderentwickelten Welt. Dass natürlich alles nicht so einfach ist, wie es am Anfang scheint, ist vorauszusehen, verhilft der Geschichte aber zu sehr gelungen, überraschenden Perspektivwechseln.
Darüber hinaus ist „Die bewohnte Insel“ recht unauffällig. Die Sprache ist einfach, schnell zu lesen, aber etwas unterkühlt. Das ist eher untypisch für die Übersetzung eines russischen Textes ins Deutsche. Ob es aber an der Übersetzung oder am Stil der Strugatzkis liegt, kann allein an der deutschen Ausgabe nicht festgemacht werden.
Die Handlung ist zwar interessant, aber nicht so spannend und fesselnd, wie sie sein könnte. Das liegt vor allem an zwei Aspekten. Zum einen ist die Hauptfigur viel zu stark und zu mächtig. Maxim ist immun gegen nukleare Strahlung, schneller und kräftiger als alle anderen und steckt selbst Schussverletzungen überraschend gut weg, die bei anderen unweigerlich zum Tode geführt hätten. Zum anderen scheint es, als ob die stärksten Wandlungen und Entwicklungen der Hauptfigur gerade zwischen Kapiteln stattfinden, nicht erklärt werden und nicht immer nachvollziehbar sind. Maxim erscheint daher auf störende Weise unverständlich und unnahbar. Eine Identifikationsfigur, deren Weg der Leser gebannt verfolgt, ist er – vielleicht aber auch nur aus heutiger, westeuropäischer Perspektive – leider nicht.

Das Werk der Strugatzkis wie auch vieler anderer osteuropäischer Autoren, deren Werke zur Zeit der Sowjetunion entstanden, können und sollten nicht einfach als Unterhaltungsromane gelesen werden. In einer Zeit der Propaganda und Zensur bot gerade de phantastische Literatur eine Möglichkeit zur Kritik und freien Meinungsbildung.
„Die bewohnte Insel“ ist voller Hinweise und Anspielungen auf die damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse: die Indoktrination der Staatsmeinung, Ablehnung des Denkens, die gnadenlose Aufrüstung bei gleichzeitiger Verarmung, die Gesellschaft als Kollektiv, die Unnahbarkeit der politischen Führungsriege und der gewaltige, unbekannte Feind, über den alles begründet werden kann ...
Vor allem diese Verweise machen den Reiz der Lektüre aus und lassen zum Teil manche schlechten Eindrücke von Stil, Handlung und Figurenzeichnung vergessen.

„Die bewohnte Insel“ ist ein schnell zu lesendes Stück Zeitgeschichte im Gewand der ScienceFiction mit leichten erzählerischen Mängeln.
5/10 Punkte

„Die bewohnte Insel“ ist der erste Teil der allein durch die Hauptfigur verknüpften Maxim-Kammerer-Trilogie. Die Trilogie ist vollständig im Band 1 der „Gesammelten Werke“ abgedruckt.
19.7.11 14:32


SF-Challenge, Station Saturn | "Die Mars-Chroniken" von Ray Bradbury

Die Mars-Chroniken
(272 Seiten, Übers. von Thomas Schlück, ISBN-13: 978-3257208634)

Roman von Ray Bradbury
Erstveröffentlichung 1950, überarbeitet und erweitert 1997

„Die Mars-Chroniken“ erzählen die Geschichte der Besiedlung des Mars. Sie beginnen bei den ersten Missionen, berichten von der Vernichtung der Marsbewohner, der Besiedlung des Planten durch die Menschen und schließlich auch von ihrem Rückzug zur Erde, als dort ein neuer Weltkrieg beginnt.

Bradbury erzählt diese Chronik nicht in Form eines Romans in Kapiteln mit ständig wiederkehrenden Figuren, sondern webt sie in 28 Geschichten. Zweiseiter wechseln sich dabei mit Novellen ab. Auf diese Weise legt er immer wieder auf andere Phänomene den Fokus und erschafft ein Werk, das durch seinen Reichtum an Perspektiven umfassender und reichhaltiger ist, als jede stringente fiktionale Geschichtsschreibung es sein könnte.
Der Stil ist einfach, aber poetisch. Das Buch wird auf diese Weise leicht zugänglich, ohne kalt oder oberflächlich zu sein. Auffällig ist, wie sehr sich die Stimmungen zwischen den einzelnen Geschichten unterscheiden. Beginnt Bradbury angenehm augenzwinkernd, ohne dabei platt pointiert zu sein, sind spätere Geschichten sehr empfindsam und zum Teil auch durch leichten Grusel gekennzeichnet.
Die „Mars-Chroniken“ sind Ideenliteratur der besseren Art, gut lesbar, aber voller Anspielungen und Fragen, die nach Antworten suchen. Die Ideen sind die Aufhänger für die einzelnen Geschichten, aber nicht ihre letzte Aussage. Es geht um Sehnsucht, um Heimat, Liebe, Familie, den Menschen selbst, seinen Glauben, seine Zerstörungswut ... Dabei kritisiert Bradbury nicht, sondern regt wohltuend zum Denken an.

Die „Mars-Chroniken“ sind, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen, auf eine eigentümlich Weise reichhaltig, poetisch und fesselnd, wie es nur ausgezeichnete ScienceFiction sein kann.
10/10 Punkte


Eigentlich plante ich, dass ich die „Mars-Chroniken“ im Rahmen der 6. Station Jupiter (Space Operas) lese. Dabei ließ ich mich, obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste, von dem Namen einer Sammelausgabe des Buches zusammen mit zwei anderen Werken des Autors lenken: Space Opera. Der Roman hat aber genauso wenig wie „Fahrenheit 451“, das sich ebenfalls in diesem Schuber befindet, etwas mit Space Opera gemein. Nicht einmal in Ansätzen.
Neben zahlreichen Themen findet sich in den „Mars-Chroniken“ jedoch auch das Thema des Stellvertreters und des künstlichen bzw. imaginierten Menschen. Zunächst um die Menschen in die Irre zu führen, initiiert durch die mental begabten Marsbewohner, als Annahme einer psychischen Krankheit, später tatsächlich als Roboter, um Menschen zu täuschen oder die Einsamkeit zu überwinden. Die letzte Geschichte gar endet mit dem Blick in eine spiegelnde Wasseroberfläche. Menschen blicken hinein und erkennen sich selbst als Marsianer. Immer steht die Frage dahinter: Ist das echt? Und jedes Mal zeigt sich, wie irrelevant diese Frage ist. Stattdessen sollte das Warum im Zentrum stehen. Denn jede Form des künstlichen Menschen erfüllt seinen Zweck und hat seinen Sinn, ganz im Gegenteil zu den Menschen selbst. Darüber hinaus schafft sie ein Bewusstsein für die Frage, was den Menschen und das Menschsein ausmacht, in einer Weise, wie es auch frühe Geschichten über Stellvertreter und künstliche Menschen wie Alraunen, Golems, Automaten, Roboter von Achim von Arnim, E.T.A. Hoffmann, Mary Shelley, Villiers de l’Isle-Adam sie thematisierten.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht nahe liegt, möchte ich deshalb die „Mars-Chroniken“ in die Station 07. Saturn (Roboter und KI) einordnen.
11.7.11 01:08


SF-Challenge, Station Neptun | "Snow Crash" von Neal Stephenson

Snow Crash
(544 Seiten, Übers. von Joachim Körber, ISBN-13: 978-3442236862)

Roman von Neal Stephenson
1992

Hiro Protagonist arbeitet Nebenberuflich für die Mafia. Er ist Pizzaauslieferer und hat sich verpflichtet, jede Pizza innerhalb einer halben Stunde zuzustellen. Denn gelingt es ihm nicht, muss Onkel Enzo, das Oberhaupt der ehrenwerten Familie, sich persönlich dafür entschuldigen. Aber wer will einen alten und vielbeschäftigten Mann schon wegen einer solchen Lappalie belästigen? Dumm nur, dass Hiro die Pizza erst 20 Minuten nach der Bestellung erhält. Da hilft ihm auch nicht, dass er als Hacker eine gewaltige virtuelle Parallelwelt, das Metaversum, mitgestaltet hat und dort als der weltbeste Schwertkämpfer gilt.

Der Cyberpunkroman „Snow Crash“ steckt ohne Frage voller Ideen und spritziger Einfälle, die schnell, aber nicht atemlos erzählt werden. Die Handlung um den Hacker Hiro Protagonist, die jugendliche Kurierfahrerin Y.T und die Droge Snow Crash, die sowohl in der Realität als auch im Metaversum verheerend wirkt, überschlägt sich regelrecht. Dabei wechseln sich jedoch schnelle Verfolgungsjagden und Actionszenen mit informativen Gesprächspassagen ab.
Trotz der anfänglichen Pizza-Episode, die in ihrer Absurdität nur schwer zu übertreffen ist, ist „Snow Crash“ kein lustiger Roman. Er ist zwar augenzwinkernd erzählt, aber dennoch ernst. Bisweilen erinnert er auf diese Weise an einen Comic, was nicht weiter verwunderlich ist, da der Roman tatsächlich als Graphic Novel geplant war, die aber nie vollendet wurde. Dieses Comichafte ermöglicht Stephenson den Einsatz kruder Ideen, wirkt aber zum Teil zu glatt. „Snow Punk“ ist nicht so dreckig wie Cyberpunk sein könnte und sollte, sondern lediglich oberflächig schmutzig.
Stephenson führt mit diesem Buch den Begriff „Avatar“ für die Repräsentation eines Nutzers in einer virtuellen Welt ein und hat auf diese Weise im heutigen Internet allgegenwärtige Spuren hinterlassen. Darüber hinaus kritisiert, karikiert und überzeichnet er genretypisch zahlreiche gesellschaftliche Entwicklungen beginnend bei dem papierlosen Büro, über die zunehmende Überwachung von Angestellten bis hin zur Privatisierung und Kommerzialisierung von Staatlichkeit.
Allerdings ist „Snow Crash“ beinahe 20 Jahre alt. Gerade für eine Near Future Geschichte ist dies eine lange Zeit. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass manche technische Novität des Romans heute eher altbacken wirkt.
An der Schnelligkeit und seinem Unterhaltungswert hat der trotzdem nichts eingebüßt.

Stephenson ist in den letzten Jahren vor allem als Autor von Tausendseitern in Erscheinung getreten. Vor allem sein historischer Barock-Zyklus sucht in Umfang, Komplexität und Tiefgang seinesgleichen. „Snow Crash“ fällt im direkten Vergleich zu den aktuelleren Werken deutlich ab, ist dafür jedoch auch als leichtere Nachtlektüre geeigneter. Außerdem gibt es vor allem in einer Folge von Dialogen zwischen Hiro und einem künstlichen Bibliothekar, in dem antike Mythen aus der Perspektive eines Hackers vollständig umgedeutet werden, einen Ausblick auf die großen Qualitäten des Autors Stephenson.

„Snow Crash“ könnte dreckiger sein, den Figuren gegenüber der Handlung mehr Raum geben und einfach endlich zu der Graphic Novel werden, die er eigentlich hätte sein sollen. Da es so nicht ist, bleibt er ein schneller, süffiger Cyberpunkroman, der nicht so schwer wiegt wie die aktuellen großartigen Mammutwerke des Autors.

7/10 Punkte
5.7.11 18:54


SF-Challenge, Station Erde | "Die Triffids" von John Wyndham

Die Triffids
(261 Seiten, Übers. von Hubert Greifeneder & Inge Seelig, ISBN-13: 978-3865970367)

Roman von John Wyndham
Ernstveröffentlichung 1951

Vor Jahren entwickelten sich auf der Erde die Triffids, Pflanzen, die sich fortbewegen können, sich mit Sporen gegen Menschen zu verteidigen wissen und geheimnisvoll auf den Boden trommeln. Bald wird erkannt, dass die Triffids nicht nur eine Zierde, sondern auch zur Öl-Herstellung effizient nutzbar sind.
Bill Masen, der in einer der Triffid-Farmen der Öl-Industrie arbeitet, wird von einer der Pflanzen attackiert und muss wegen starker Augenverletzungen ins Krankenhaus. Dort verhindert ein Verband, dass er einen prächtigen, strahlenden Meteoritenschauer beobachten kann.
Als er am nächsten Morgen erwacht, sind alle, die das Licht am Himmel beobachteten, erblindet.
Überall herrschen Chaos, Plünderungen und Gewalt. Eine Seuche bricht aus und an jeder Ecke lauern Triffids, die nicht zögern, ihre Sporen auf Menschen zu schießen.

Wyndham wurde von Stephen King frenetisch als „der wohl beste Science-Fiction-Autor, den England jemals hatte“, gefeiert. Mit „Die Triffids“ wird er diesem Lob nicht gerecht.
Das Buch ist einer der ersten Romane, die mal als Survival-Horror, mal als „Post Doomsday“-Science Fiction bezeichnet werden.
Er schildert eine Welt, die in Chaos und Anarchie verfällt. Das gesellschaftlich-kulturelle und wirtschaftliche Leben kommt zum Erliegen, stattdessen herrschen Chaos und Gewalt. Der Großteil der Menschen ist erblindet und kann sich nicht selbst versorgen. Ressourcenknappheit, Krankheiten und die allgegenwärtigen Triffids bedrohen die Menschheit.
Bill, die Hauptfigur, muss in dieser Welt einen Weg finden, zu überleben. Dabei trifft er immer wieder auf andere sehende Überlebende. Er verliebt sich und hilft dabei Wege zu begehen, neue und alte Gesellschaftsformen auf die Probe zu stellen..
Damit ist Wyndham seiner Zeit sicherlich zwar weit voraus. Andererseits trifft ihn nun der Fluch der späten Lektüre, denn beinahe alle Ansätze und Ideen waren mir bereits aus anderen Werken – sowohl in Film als auch in Literatur – bekannt und boten wenig Überraschungen.
Geschrieben ist das Buch wie ein Tatsachenbericht. Der nüchterne Stil kann ihm als zeitlos zugutegehalten werden, doch ist er zugleich auch genau so behäbig und bieder wie eine Fernsehwerbung aus den 50er Jahren. Die Figuren bleiben eindimensional, die soziologischen Gedankenspiele kratzen nue an der Oberfläche oder bleiben Gemeinplätze. Zu keiner Zeit lässt der Roman den Leser um die Figuren bangen oder um ihr Schicksal fiebern. „Die Triffids“ bleibt konturlos und entfaltet keine nennenswerte, nachhaltige Wirkung. Vor allem unter dem Eindruck von Werken wie McCarthys großartigem Roman „Die Straße“ werden diese Schwächen deutlich.

„Die Triffids“ mag zwar ein Klassiker und Wegbereiter sein, im Vergleich zu den großen Werken dieses Subgenres fällt er aber heutzutage deutlich ab.
4/10 Punkten

Der Roman ist gerade vergriffen, wird aber nächstes Jahr im Heyne Verlag neu aufgelegt.
29.6.11 19:03


SF-Challenge, Station Venus | "Corpus Delicti" von Juli Zeh

Corpus Delicti. Ein Prozess
(272 Seiten, ISBN-13: 978-3895614347)

Roman von Juli Zeh
2009

Nach dem Selbstmord ihres inhaftierten Bruders, der wegen Vergewaltigung und Mord verurteilt wurde, aber vehement seine Unschuld bekundete, lässt sich Mia Holl gehen. Sie arbeitet nicht mehr, verlässt nicht ihre Wohnung, treibt keinen Sport und unterlässt es, ihre medizinischen Befunde an die staatlichen Stellen weiterzuleiten. So wird die METHODE, auf sie aufmerksam und stellt sie vor Gericht. In einer Welt, in der die verpflichtete Gesundheit des Körpers alles zählt und bestimmt, muss Mia sich von einer perfiden Anklage befreien.

Zeh legt eher ein Kammerspiel mit überschaubarem Figurenensemble vor als eine groß angelegte Zukunftsvision. Auch verzichtet sie beinahe vollständig auf technologische Weiterentwicklung. Sie nimmt die Figuren in den Fokus sowie die Wirkweisen eines Systems, das vordergründig vollkommen gesund ist und doch nur einen Tumor kaschiert.
Ein Vergleich zu Kafkas „Prozess“ liegt nicht nur durch den Untertitel auf der Hand, ist aber nur bedingt zutreffend, denn Zeh führt weniger das Justizwesen, sondern gleich eine ganze Gesellschaft vor. Dabei wird nicht pauschalisiert, nicht nur schwarz gezeichnet und werden nicht die einzelnen Menschen vergessen, die in all ihrer Unterschiedlichkeit eine Gesellschaft prägen und in ihr leben.

„Corpus Delicti“ ist – auch wenn die Autorin sich dagegen sträubt – definitiv Science Fiction. Jedoch handelt es sich um eine ruhigere, figurenzentrierte Spielart, die in einer denkbar zukünftigen Welt spielt, sie nicht nur vorstellt. Besonders letzteres ist ein Kunstgriff, den nur wenige Autoren verstehen und meistern.

„Corpus Delicti“ ist ein klug und gut geschriebener Roman über Gesundheitswahn, Diktatur, Wahrheitsglaube, Trauer und Einsamkeit. Dabei kommt er ohne Bombast und erhobenen Zeigefinger aus.

8/10 Punkte
20.6.11 18:38


„Wanderdünen“-Lesezirkel bei Literatopia

Ab dem 3. Juli nimmt sich das Forum Literatopia meinem Mosaikroman "Die Wanderdüne" vor und wird ihn ordentlich auseinandernehmen. Natürlich werde ich selbst nicht nur gespannt mitlesen, sondern auch hin und wieder meinen eigenen Teil dazu beisteuern.
Ich freue mich darauf.
Mitleser sind herzliche eingeladen und willkommen, müssen sich aber vorher im Forum und beim Lesezirkel anmelden.
Unter den Teilnehmern verlose ich übrigens ein Exemplar meiner ersten Anthologie "Im Bann des Nachtwaldes".
19.6.11 18:16


SF-Challenge, Station Merkur | "Das Tahiti-Projekt" von Ernst C. Fleck

Das Tahiti-Projekt
(325 Seiten, ISBN-13: 978-3492253628 )

Roman von Ernst C. Fleck
2008


Wir schreiben das Jahr 2020. Alle nationalstaatliche Politik ist zur Gespielin profitmaximierender Unternehmen geworden. Die Natur steht zum Ausverkauf. Der Topjournalist Maximilian Cording kehrt gerade aus Kalifornien zurück, wo er von den Kämpfen um die Abholzung der letzten Waldbestände aus Perspektive der Demonstranten berichtete, wird nach Polynesien geschickt. Dort ist in den letzten Jahren eine neue Lebensweise in Einklang mit der Natur entwickelt und erprobt worden. Dieses Tahiti-Projekt benötigt Geld und dafür die eine Menge positiver Presse.

Fleck führt den Leser in eine nahe Zukunft, die manche heutige Entwicklung nur konsequent fortzuführen scheint: Die Entmachtung demokratischer Strukturen durch Global Player, die systematische Zerstörung der Natur zur Gewinnmaximierung, die Abhängigkeit der Medien von Finanziers usw. Tahiti ist bewusst als Gegenmodell gezeichnet, dabei aber – was auch das Glossar mit seinen zahlreichen Einträgen zeigt – nicht als ein phantastisches Hirngespinst, sondern in zahlreichen Momenten an tatsächlich existierende technologische Entwicklungen angelehnt. Dass Fleck dabei auf eine Schwarz-Weiß-Malerei zurückgreift, ist nicht verwunderlich. Das Fehlen der Grautöne fällt jedoch auf.
Der Roman ist angelegt wie ein moderner, glatter Thriller amerikanischer Prägung. Fleck schreibt in kurzen Absätzen mit schnellen Schnitten, stilistisch unauffällig. Die Figuren bleiben dabei ebenso auf der Strecke wie große Szenen. Das liest sich flott und ohne Holpersteine. Doch im Unterschied zu den großen Thrillerautoren konstruiert Fleck die Handlung zu geradlinig und vorhersehbar. Natürlich wird das Öko-Insel-Paradies Tahiti bedroht, natürlich wird es gerettet. Spannung kommt dabei nicht auf.
Umso faszinierender ist die in manchen Bereichen die Schilderung Tahitis. Der Leser wird durch fremdartige Welt wie ein Reisender geführt. Er staunt und erhält zahlreiche Ansatzpunkte zur eigenen Reflexion der Gegenwart. Das Tahiti-Projekt stellt unseren Umgang mit uns und der Welt in Frage, zeigt aber zugleich auf vielfache Weise einen Ausweg. Das geschieht nicht immer ohne erhobenen Zeigefinger, aber immerhin wagt sich Fleck in einem Umfeld ungezählter, aktueller Dystopien an eine positive Sichtweise.

Das Thriller-Gewand schadet dem Roman eher, als es ihm gut tut. Fleck verschenkt dabei unnötig Möglichkeiten, die ihm ein fiktionales Werk gegenüber einem Sachbuch bieten könnte. Zudem verfällt er zu sehr der Schwarz-Weiß-Zeichnung und dem Mythos des edlen Wilden. Trotzdem scheinen in diesem Buch unangenehm viele Wahrheiten zu stecken, die zum Nachdenken anregen und das Buch nicht mit der letzten Seite enden lassen.

Der Thriller: 4/10 Punkte
Der Über- und Unterbau: 9/10 Punkte
Gesamt (weil das Buch abseits jeder Kategorisierung allemal empfehlenswert ist): 7/10 Punkte

Das Tahiti-Projekt erhielt den Deutschen Science Fiction Preis 2009.
19.6.11 18:02


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